Historie

Heimbach-Weis 

(kurze Version)

Gelegen am nördlichen Rand des Neuwieder Beckens und zum Westerwald hin durch eine Bergkette abgegrenzt, liegt die Gemeinde Heimbach-Weis im Herzen des Mittelrheinlandes.
Mit weit über 7000 Einwohnern ist Heimbach-Weis seit 1970 nicht nur der bevölkerungsreichste sondern auch der flächengrößte Stadtteil der Kreisstadt Neuwied.

In seiner über 900-jährigen Geschichte, ist die Gemeinde Heimbach-Weis jedoch ein Unikum. Durch die seit dem Mittelalter bis weit in die Neuzeit andauernden Rechtsstreitigkeiten um die Hoheit des Kirchspiels Heimbach (die Stadtteile: Heimbach-Weis und Gladbach) kamen dem Ort Rechte zu Gute, welche sonst nur freien Reichsstädten wie Frankfurt vorbehalten waren.
So hätte man Aufgrund dieser besonderen historisch-politischen Verhältnisse, Heimbach-Weis einen "Bauernfreistaat" nennen können.

Vielen mag Heimbach-Weis durch seinen traditionellen Karnevalsumzug bekannt sein. Die Tradition des Karnevals wird seit 1827 mit der Gründung der ersten Karnevalsgesellschaften in Vereinen gepflegt, damit ist der Heimbach-Weiser Karneval der viert älteste im gesamten Rheinland, nach Köln (1823), Koblenz (1824) und Bonn (1826), vor Aachen (1829) und Mainz (1837).

Die Vielzahl der Vereine im Ort sind reger Ausdruck für Geselligkeit und Frohsinn sowie Pflege heimischen Kulturguts und Brauchtums. Dies passt zur Charakterisierung des Heimbach-Weiser Menschenschlags seitens eines preußischen Amtsinspektors aus dem Jahre 1829:

"Die Einwohner sind von raschem, leicht reizbarem, lebhaftem Charakter."

Ortschronik

(lange Version)

Heimbach-Weis, am nördlichen Rand des Neuwieder Beckens gelegen, zum Westerwald hin durch eine Bergkette abgegrenzt, war schon in der Endstufe der älteren Steinzeit, vor Ausbruch des Laacher Vulkans, Siedlungsgrund. In Weis stieß man unterhalb der starken Bimsdecke auf solche Funde, in Heimbach 1954 durch Ausgrabung eines 10.-15.000 Jahre alten Hirschgeweihs.

Die jüngere Steinzeit (ca. 4.000 – 2.000 v. Chr.) ist durch zahlreichere Funde, hauptsächlich in der Heimbacher Gemarkung, gesichert. In der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends vor Christus erreichte das aus dem mittleren Donauraum stammende ackerbautreibende Volk der Bandkeramiker unsere Gegend und wurde hier sesshaft. Zahlreiche Keramikfunde lassen die Einordnung in die sog. Michelsberger Kultur, diejenige der nordisch-mitteldeutschen Schnurkeramik und der südwestdeutschen Zonenbandkeramik, der Glockenbecherkultur, zu. Aus dieser Mischung entwickelte sich die sog. rheinische Becherkultur, die zwischen 1.900 und 1.600 v. Chr. am Ende der steinzeitlichen Entwicklung steht und durch deren eigenartige Bestattungsweise in Form sog. Hockergräber nachweisbar ist.

Die ältere Bronzezeit ist nur durch wenige Funde belegt, dagegen häufen sich Siedlungshinweise aus der endenden Bronzezeit (um 1.000 v. Chr.). Wiederum wird die Art und Weise der Bestattung namengebend für diesen Zeitraum. In Heimbach und Weis zeugen Brandgräber mit Tongefäßen von dieser „Urnenfelderkultur“.

Den Urnen wurden später meist ganze Sätze von Schalen und Töpfen beigefügt, die wohl zur Aufnahme von Speisen und anderen Beigaben bestimmt waren.

Die ältere Stufe der Hunsrück-Eifel-Kultur (ca. 600 v. Chr.) – so bezeichnet man die heimische Form der beginnenden Eisenzeit – gewährt uns durch zahlreiche Funde von Skelettbestattungen mit Schmuckbeigaben – Bronzezierstücke als Hals-, Arm- und Ohrreifen, Wendelringe, Kopfschmuck, Nadeln oder sogar Rasiermessern – den Einblick in eine Zeit technischer und künstlerischer Fertigkeit.

Starke keltische Einflüsse sind durch die „Alte Burg“, eine  Ringwallanlage mit ihrer etwa 175 x 95 m großen Ausdehnung, am südlichen Hang des Burghofgeländes gelegen, und einige Grabhügel, nachweisbar (ca. 400 bis 150 v. Chr.). Sie wird in ihrer Form als Absicherung gegen die aus dem Osten vorstoßenden Germanen errichtet worden sein.

Um Christi Geburt, so können wir es den Berichten römischer Schriftsteller entnehmen, waren der Mittel- und Niederrhein auf beiden Ufern von germanisierten Kelten bewohnt, in unserem Gebiet siedelten die Ubier, die sich später mit den Usipetern und Tencterern vermischten.

Der Gunst seiner Lage, seiner Bodenbeschaffenheit und seines Klimas verdankt unsere Gegend diese zahlreichen Siedlungsfunde. Diese Region war in der Folgezeit den Römern willkommen.

Caesar wagte von Gallien kommend zweimal – 55 und 53 v. Chr. – den Vorstoß über den Rhein, durchs Gebiet der Ubier gegen die Sugambrer auf dem hohen Westerwald. Er verwüstete innerhalb von 18 Tagen zahlreiche Dörfer, Einzelhöfe und Getreidefelder, wollte aber den rechtsrheinischen Germanen mehr eine Warnung statt definitive Eroberung „angedeihen“ lassen (Caesar, de bello Gallico IV, 16-19). Gegen den immer stärker werdenden Druck der Germanen nach Westen entstand in der Regierungszeit Kaiser Domitians (81-96 n. Chr.) der „Obergermanisch-Raetische Limes“, ein Grenzschutz aus einem hintereinander gestaffelten System von Wall, Graben und Palisadenzaun, alle 300-900 m, je nach Geländebeschaffenheit, durch die Anlage von 6 m hohen Wachtürmen gesichert, der unter Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.) durch Steinbauten verstärkt und ersetzt wurde. Kastelle befanden sich auf der höchsten Erhebung der Alteck bei Anhausen, bei Heddesdorf das sog. „Kohortenkastell“, das unter Kaiser Commodus (180-192) offengelassen und durch ein größeres bei Niederbieber ersetzt wurde, sowie ein kleines Erdkastell im Heimbacher Feld, heute Block-Heimbach, und ein Uferkastell bei Bendorf.

Mit der militärischen Grenzabsicherung ging auch die Errichtung von Zivilniederlassungen und Einzelgehöften oder auch Landgütern (villae rusticae) einher. So ist für diese Zeit bereits der römische Weinbau in der Heimbach-Weiser Gemarkung nachgewiesen; eine Straße parallel zur Rheinschiene, Heddesdorf und Bendorf verbindend, dürfte als „burgus“ gesichert, den Grundstock für die seinesgleichen suchende Befestigung Heimbachs im regelmäßigen Straßenkreuz gebildet haben. Auch Rommersdorfs Ursprung als „villa rustica“ erscheint nicht abwegig, zumal südlich der Abtei (im „Flühhoff“) vor wenigen Jahren römische Ziegel  einer Hypokaustenanlage (Fußbodenheizung) gefunden wurden, die genau dies nahelegen.

Um 260 überrannten die Franken den Limes und zwangen die Römer zur Aufgabe des rechtsrheinischen Grenzlandes. Schließlich bestätigte um das Jahr 370 Kaiser Valentinian I. den Franken ihren rechtsrheinischen Besitz. Gleichzeitig verbreiteten sich von Trier kommend erste christliche Einflüsse in unserer Gegend.

Sie verblassten, als um 400 auch links des Rheins die Römerherrschaft zu Ende gegangen war. Die fränkische Besiedlung lief ziemlich ungeregelt ab. In unserer Gegend siedelte nachweislich im 7. Jahrhundert der Volksstamm der Ingrionen, wovon  Engers und der Engersgau ihren Namen haben sollen (überzeugender erscheint die Deutung aus dem althochdeutschen Wort „angar“, was so viel wie „freie Ebene“ bedeutet).

Vier große Gräberfelder kündeten in unseren Fluren vom Frankentum. Eines mit etwa 550 Gräbern in der Flur Hundertmorgen südlich Rommersdorfs zwischen Baier- und Kutscherweg, das 1930-34 durch Bimsabbau der Firmen Raab und Dahm leider zerstört wurde, zwei am Meerpfad und eines am Engerser Weg.

Der gallo-romanische Einfluss der linken Rheinseite, von Trier her bestärkt durch angelsächsich-friesische Missionare, führte zwischen 600 und 700 zur vollständigen Christianisierung unserer Gegend.

 

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zu unseren Ortsnamen: Obgleich Heimbach als

„–bach-Namen“ zu einer bestimmten Namensgruppe zählt, dessen Entstehung gemeinhin  in die Merowingerzeit (450 bis 750) datiert wird, lässt er wegen seines  Auftretens zu allen Zeiten und der ungleichmäßigen Bedeutung der dazugehörigen Siedlungen keine sicheren siedlungsgeschichtlichen Schlüsse zu. Andere Forschungen leiten es als gallorömisches Suffix oder Nachsilbe von „-acus“ ab, so dass aus „hamacus“ und „gladacus“ Heimbach und Gladbach mutierten, und sie bereits zur Zeitenwende so bezeichnet worden sein könnten. Dies scheint sehr viel wahrscheinlicher, da die beiden Rinnsale des Heim- und Gladbach sicher kaum ausschlaggebend für deren Namengebung waren.

Das einsilbige Weis wird einer sehr frühen, vorfränkischen Siedlungsphase zugerechnet.

 

Mit der fränkischen Landnahme wurde das rechtsrheinische „herrenlose“ Vorland zum Königsgut gezogen. Aus den fränkischen Stammesverbänden entwickelten sich bald „reges“ oder Königtümer, die in „Landschaften“ oder „Gaue“ (fränk. gouwi) aufgeteilt und durch einen Bevollmächtigten des Königs, den Grafen („grafio“ oder „comes“) verwaltet wurden. Er war Anführer des Heeresaufgebots, er sorgte durch Gerichtsurteile für den inneren Frieden und vertrat den König vor Gericht. Die Pfalzgrafen waren Gesandte des Königs vor Ort, zunächst kgl. Beamte, die als Vorsteher der kgl. Kanzlei die Ausstellung der Gerichtsurkunden überwachten, später eine Art Provinzialminister wurden und das Königsgut territorial verwalteten.

Reichsgut oder Königsgut war im Süden des Neuwieder Beckens, dem sog. „Engerser Reich“, zahlreich vorhanden und wurde im 11. Jahrhundert von den Pfalzgrafen der Ezzonen und Hezeliniden verwaltet, seit 1085 von den Herren von Laach, womit sich der Einflussbereich des rheinischen Pfalzgrafen vom Niederrhein in die Vordereifel, das Maifeld, den Mittelrhein und in den späteren kurpfälzischen Bereich verlagerte. Den wertvollsten Part hiesigen Reichsguts bildeten der zum Bendorfer Hofverband gehörende, „Pfalzgräfliche Hof“ zu Heimbach und der „Weiser Dinghof“.

Als Pfalzgraf Heinrich von Laach 1093 das Gelände seiner Burg zur Gründung des gleichnamigen Benediktinerklosters stiftete, sicherte er das Kloster wirtschaftlich durch die Schenkung wichtiger Höfe in näherer und weiterer Umgebung ab. Zugleich verschenkte er den Bendorfer Hofverband mit seinen wertvollen Ländereien in Heimbach und Weis an Laach. In dieser Stiftungsurkunde wird Heimbach erstmals „urkundlich“ erwähnt.

Die Grafschaft „Schönfeld“, auch Sconefeld, 915 unter dem Frankenkönig Konrad I. erstmals urkundlich genannt, bildete mit ihrem Mittelpunkt – dem Königsgericht südlich von Rommersdorf – das Kernstück des Engersgaus.

Die Grafen des Schönfelds oder Engersgaus saßen auf Königsgut und wurden mit königlichen Burgen belehnt, von wo sie residierten. In unserem Bereich waren es die Burgen Hammerstein und Humbach (= Montabaur). Ab 1034 begegnet uns der Gaugraf Wigger-Widekind, dessen Nachkomme Meffried sich um 1100 „Graf zu Wied“ nannte und sich vor 1129 den Stammsitz Altwied im gleichnamigen Tal baute.

 

Bereits 847/868 werden zu Rengsdorf ein Reginboldt und 959 zu Humbach-Montabaur ein Reginbaldus von Rumersdorp genannt, die auch als „Vicecomes“, also Mitgrafen des Engersgaus galten. Sie waren das bedeutendste der alteingesessenen edelfreien Geschlechter und hatten am Rhein, auf dem vorderen Westerwald und im Maifeld umfangreichen Besitz. Im Jahre 1088 wird deren Niederungsburg „Rumersdorp“ erstmals urkundlich als ihr Sitz genannt. Sie ließen sich mit Königsgut, bspw. Vallendar, und wichtigen Vogteien (landeshoheitlichen und juristischen Rechten über Kirchenbesitz) belehnen. Im Jahre 1117 stifteten sie „Rumersdorp“ Benediktinern, 1135 Prämonstratensern. Gleichzeitig bauten sie sich ihre Burg im Isertal und nannten sich fortan Herren oder Grafen zu Isenburg. Auf dem Grund ihres alten Herrensitzes entstand eine Abtei, dessen seelsorgerischer und wirtschaftlicher Einfluss besonders dem 1204 erstmalig – unter dem Modepatrozinium der Kreuzzugszeit „St. Margaretha“ – erwähnten Pfarrbezirk Heimbach mit Weis und Gladbach zugutekam. Das Kloster kaufte 1255 unter Zustimmung des Vogtes Heinrich von Kobern aus dem Hause Isenburg für eine hohe Summe den 1093 genannten „Pfalzgräflichen Hof“ von der Abtei Laach.

Die Abtei glaubte nun durch die Leitung des damit verbundenen Hofgerichts (der abteiliche Schultheiß neben sieben Schöffen) auch die Herrschaft über das eigenständige Gericht der Bürgerschaft – das sog. „Freiheimgericht“ – gewonnen zu haben.

 

Abb. 1

Rekonstruktionsskizze Rommersdorfs um 1300 nach Hermann Reinhard (†)

 

Bis 1336 und 1343, als Isenburg und Wied erstmalig mit dem Freiheimgericht vom Kaiser belehnt wurden, war das Reich noch selbst Herr des Gerichts. Nunmehr sollten Isenburg und Wied Schultheiß, Schöffen und Fronboten stellen und den Blutbann ausüben dürfen. Die tatsächlichen Gerichtsverhältnisse lagen jedoch völlig anders.

Aufgrund seiner Herkunft aus Königs- oder Reichsgut, betrachteten sich die Einwohner als Königsfreie. Wahrscheinlich trifft das auch auf die Zeit zu, als das Reich dem Gericht selbst noch vorstand.

Von diesem Freiheitscharakter zeugte die Befestigung Heimbachs und die Ausübung des Marktes, beides Rechte, die ansonsten nur freien Reichsstädten zustanden.

Kaiser Friedrich III. persönlich musste 1475/76 bei einem wiederholten Streit zwischen den drei Gemeinden und den Grafen zu Wied schlichtend eingreifen. Doch auch er erkannte im 1476 aufgezeichneten „Schöffenweistum“ für die Kirchspielsorte Heimbach, Weis und Gladbach das Recht der Gemeinden an, wonach ... alle drei Orte zusammen eine Märkerschaft bildeten, d.h. ihre Einwohner mancherlei Nutzungsrechte an Wald und Land gemeinsam hatten; der Rommersdorfer Abt und der Graf zu Isenburg als größte Eigentümer und Rechtsträger oberste bzw. edelste Märker waren. Infolgedessen stellte Rommersdorf einen Bürgermeister, den sog. Heimburger; jeweils einen Bürgermeister stellten die Gemeinden Heimbach, Weis und Gladbach. Ihnen zur Seite standen ein Wald- und ein Feld- oder Kornschütz, denen man erhebliche Vollmachten übertragen hatte. Die eingesetzten Bürgermeister richteten über „Hals, Bauch, Leib und Gut“, Todesurteile konnten sie nur unter Zustimmung des Abteivogtes – des Herrn von Isenburg – fällen.

 

Das Kirchspiel ohne Herrn lockte immer die Begierden seiner Nachbarn. So überfiel im September 1545 Friedrich von Reiffenberg zu Sayn, Oberst in englischen Diensten, mit für England geworbenen Soldaten aufgrund einer Belehnung Kaiser Karls V. das Kirchspiel und zwang die Einwohner, ihm als Landesherrn zu huldigen. Gleichzeitig setzte er ein neues Schöffengericht ein und wollte von Rommersdorf die Herausgabe aller das Kirchspiel betreffenden Urkunden erpressen.

Die Abtei wandte sich in dieser Bedrängnis an den in der Urkunde Karls V. erwähnten Schutzherrn, den Erzbischof zu Trier, und vermachte ihm am 20. Dezember 1545 seine hohe, mittlere und niedere Jurisdiktion im Kirchspiel Heimbach.

Doch auch damals hieß es in der entsprechenden Urkunde noch: „Schutz und Schirmherren sind Isenburg und Wied, als Herren der Burg Isenburg, ihnen werden Waffengeschrei und Herberge, hoher Wald und Dienste zugesprochen. Dagegen stehe Glockenschall der Gemeinde zu, die aussagt: Die Gerechtigkeit haben wir von unsern Vorfahren ..., von der Gemeinde wegen wird das Gericht gehegt, der Nachbarn wegen urteilen die Bürgermeister und der Gemeinde wegen setzen die Geschworenen ihre Wetten. Abt, Mönche und Hausgesinde des Klosters werden wie andere Kirchspielswettbrüchige gestraft. Am Gericht ist der Abt nur Nachbar. Das Gefängnis ist der Gemeinde. Nur Geleitbriefe für den Scharfrichter soll man in Isenburg holen.“ 

Bereits am 16. Januar 1546 kassierte Kaiser Karl V. die Belehnung des Reifenbergers und entband die Gemeinden von ihrem Huldigungseid. 1570 bis 1583 verkaufte Graf Johann zu Wied seine Rechte im Kirchspiel an Kurtrier, in den Jahren 1593 und 1600 Graf Salentin von Isenburg gleichzeitig mit Graf Heinrich von Sayn. Nunmehr war Kurtrier alleiniger Landesherr. Sogleich passte der Erzbischof und Kurfürst das alte und freie Bürgergericht in seine Gerichtsverfassung ein und ließ das Kirchspiel im Trierer Territorium einschmelzen.

Das 16. und 17. Jahrhundert brachte viele konfessionelle Wirren mit sich. In den 1540er Jahren sorgte der designierte Kölner Erzbischof Hermann von Wied, nachdem ihm die Reformation Kölns misslungen war, in seiner eigenen Grafschaft für die Ausbreitung des neuen Glaubens. 1543 und 1556 erfolgten dort die ersten evangelischen Kirchenvisitationen.

Rommersdorf und Kurtrier bewirkten die Verteidigung des „alten und wahren Glaubens“, wie es heißt. Trotzdem ging auch am Kirchspiel  der Glaubenskonflikt nicht spurlos vorüber. Schon 1531 verfügte Abt Johann von Steinfeld infolge mangelnden Nachwuchses und Ausbreitung des reformierten Glaubens die Aufhebung des Prämonstratenserinnenklosters Wülfersberg nördlich von Gladbach. Alle Besitzungen fielen an das Mutterkloster Rommersdorf.

1541 griffen die Reformierten der Umgegend die Abtei an, eine Feuersbrunst vernichtete das Nordschiff der Kirche, das später schließlich  zusammen mit Querhaus und Nordturm niedergelegt wurde.

An Osterdienstag 1569 wurde das ganze Dorf Heimbach bis auf ein Haus, die Burg genannt (kurfürstlicher Hof in der Burggasse) samt Pfarrkirche und Turmdach mit vier Glocken innerhalb weniger Stunden ein Raub der Flammen. Drei Glocken wurden nach dem Brand neu gegossen, die größte, nachdem sie in der Christnacht 1581 gerissen war, wenig später erneuert, sie künden bis heute „Freud und Leid“. Der Kirchturm wurde neu eingedeckt und war bis zum Blitzschlag von 1875 vollends gedreht.

Im Dreißigjährigen Krieg hatten Heimbach und Weis vor allem ab 1626 und durch den Schwedeneinfall von 1632 zu leiden. Gleichzeitig wütete die Pest, so dass allein zwischen 1595 und 1634 35 Rommersdorfer Ordensmitglieder ihr zum Opfer fielen.

Aus den Jahren 1614 bis 1624 stammen die ältesten erhaltenen Taufeinträge unserer Pfarrei. Nach dem „Kurtrierischen Feuerbuch“ von 1684 werden für Heimbach 69 Feuerstellen (= Haushalte) und für Weis 36 Feuerstellen ausgewiesen. Aufgrund der Aufzeichnung des jeweiligen Pfarrers zählte das Kirchspiel im Jahre 1713 bereits 1.244 Einwohner. Nach der kurtrierischen Schatzung von 1719/20 hatten in Heimbach 252 und in Weis 257 Parteien Grundbesitz. Gleichzeitig benennt die Schatzung alle Berufe im Ort: neben Landwirten, die von Pachtgut oder/und eigenem Land lebten, existierten viele landwirtschaftliche Tagelöhner mit kleinem oder keinem Landbesitz und Handwerksbetriebe, die nebenbei Landwirtschaft betrieben.

An Handwerksberufen werden genannt: Wirte, Schmiede, Leinenweber, Wagner, Schuster, Schneider, Tischler, Drechsler, Zimmerleute, Bäcker und Bierbrauer sowie ein Schlosser und Krämer.

In Weis werden außerdem einige Maurer und ein Korbmacher genannt.

Der Weinbau wurde damals noch groß geschrieben: In Heimbach existierten 227.257 Weinstöcke erster und zweiter Klasse, in Weis 193.440.

 

Abbildung 2: Rommersdorf (F) in einer Darstellung aus dem Jahr 1719 zusammen mit Heimbach (G) und Gladbach (H) (© Landeshauptarchiv Koblenz 162/1103)

 

In den 1790er Jahren schrieben kurtrierische Edikte infolge mehrerer starker Frostperioden das Aushauen der Weinberge wegen ihrer im Vergleich zu anderen Regionen schlechten Qualität vor. Zunehmend verbreitete sich seitdem der Obstanbau, vor allem die Zucht und Pflege von Kirsch- und Apfelbaumkulturen.

Rommersdorf wird auf diesem Gebiet vermutlich die letzten guten Ratschläge gegeben haben.

Durch die Aufhebung der Abtei Rommersdorf, des wichtigsten  Arbeitgebers, Wirtschafts- und Kulturträgers sowie Seelsorgers unserer Gemeinde, die kurz zuvor (1772-1786) noch einmal durch eine rege Bautätigkeit vielen Handwerkern der Umgebung Brot gab, entstand eine riesige Lücke. Das Sprichwort „Unterm Krummstab ist gut leben“ hatte sich bewahrheitet, jetzt kamen härtere Zeiten.

In das ehrwürdige Kloster zogen nassauische und preußische Steuereinzieher ein, der abteiliche Grundbesitz wurde meistbietend versteigert. Viele Bauern scharten sich in Konsortien zusammen, um gemeinsam kaufkräftiger zu sein und zu retten, was zu retten war.

Die größten landwirtschaftlichen Anwesen in beiden Ortschaften gehörten bis dato Adel oder Kirche, allen voran der Abtei, die nach einem Inventar von 1803 im Kirchspiel Heimbach insgesamt rund 1.800 Morgen Ackerland und Wiesen sowie 440 Morgen Wald ihr Eigen nannte. Größere Höfe besaßen außerdem der Kurfürst zu Trier, die Herren von Reiffenberg, die Herren vom Stein und die Herren von Heeß sowie die Heimbacher Pfarrkirche.

Alte positive Rechte, wie Behölzigungs-, Trift- und Weiderecht, fielen genauso wie der lästige Mühlenbann. Das freie Wirtschaften nach Gewerbeschein wurde eingeführt.

Der erste fremde Eigentümer Rommersdorfs hatte in den 1820er Jahren nichts Besseres zu tun, als große Teile der Abtei niederzureißen. Die Wülfersberger Höfe sowie der Kisselborner Hof verschwanden von der Bildfläche. In der Nachbargemeinde Gladbach, die noch eher als Heimbach-Weis, den Verlust der Rommersdorfer Pachtländerereien zu spüren bekam, häuften sich Schuldverschreibungen und Armut.

 

Viele geschäftstüchtige Weiser stellten sich indessen auf den Handel mit Obst, Kartoffeln und Sämereien um, einige vertrieben im Verlagsgeschäft die Produkte fremder Händler. Insgesamt hatte der Ort Weis sehr unter der am 11. April 1799 ausgebrochenen Feuersbrunst zu leiden, dem zwei Kinder, insgesamt 92 Häuser, viele Scheunen und Ställe und fast alles Inventar zum Opfer fielen. Fast ein ganzes Dorf (13 Häuser blieben verschont) war innerhalb eines Nachmittags obdachlos geworden. 

Am 4. September 1819 brach in Heimbach, im ersten Haus über dem Pfarrhaus ebenfalls ein Großbrand aus, das im Wesentlichen alle Häuser links der Holzgasse sowie entlang Brunnenring und Bungartstraße vernichtete. 18 Häuser und zahlreiche Nebengebäude wurden innerhalb von 4 1/2 Stunden zerstört. Das Pfarrhaus konnte noch im letzten Moment gerettet werden.

 

Die Bevölkerung der Ortschaften stieg im 19. Jahrhundert rasch. 1811 zählte Heimbach 165 und Weis 101 Wohnhäuser, worin insgesamt 854 bzw. 548 Personen lebten. In diesen Notjahren der Napoleonischen Kriege verfügte Heimbach nur über 14 Pferde, aber 101 Ochsen und 244 Kühe, Weis über 43 Ochsen und 114 Kühe.

 

Bis in unsere Tage stieg die Bevölkerung wie folgt:

 

                        1826      1851      1875      1895      1912      1935      1959  

 

Heimbach        1.000      1.365     1.400      1.643      2.236      2.939     4.240

Weis                   625        835        886      1.159      1.635      2.020     2.420

 

Vornehmlich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert boten sich neue  Erwerbsmöglichkeiten, die durch andere Arbeitsgewohnheiten den Lebenswandel unserer Vorfahren gänzlich umformten. Das industrielle Arbeiten nach festen Löhnen lockte viele ehemalige Tagelöhner oder Landwirtssöhne, deren Grundbesitz durch zunehmende Teilung keine Existenzgrundlage mehr bot, in die Ferne. Die Sayner und Mülhofener Gußstahlhütten der Firmen Krupp und Lossen oder  die Walzwerke Rasselstein und Aubach nahe Niederbieber gehörten zu den Hauptarbeitgebern seit den 1860er Jahren. Nach 1870 war die Herstellung des Bimssandsteines soweit gediehen, dass man an eine Ausbeute in größerem Rahmen und die sofortige Verarbeitung und Anlieferung an die gerade erst fertiggestellte Bahnanbindung, den Engerser Bahnhof, heranging. Zahlreiche Bauernsöhne und kleine Gewerbetreibende, Gastwirte und Arbeiter machten sich selbständig, nannten sich fortan „Schwemmsteinfabrikanten“. Mehr als 100 kleine und mittlere „Fabriken“, besser „Produktionsstätten“ siedelten sich in der Heimbach-Weiser Gemarkung an. 1960 zählte man in Heimbach noch 33, in Weis 30 „Betriebe“.

Parallel dazu prägte sich eine neue Form des gemeinschaftlichen Miteinanders aus; Gruppen, Interessengemeinschaften und Gesellschaften zur gemeinsamen Freizeitgestaltung entstanden. 

Vereine mit sehr unterschiedlichen Zielen wurden gegründet und gleichgültig ob zum Spaß oder Ernst: Statuten mussten her.

 

Einige Beispiele:

Am 5. Juli 1862 fand unter Einladung des Heimbacher Pfarrers Horn in Heimbach die Gründungsversammlung der „Darlehens-Casse“ des Amtes Engers unter Raiffeisens Vorbild statt, 86 Mitglieder setzten ihre Unterschrift unter die notwendigen Paragraphen.

1852 wurden der Männergesangverein Weis, 1878 der Turnverein Weis, 1884 der Männergesangverein Caecilia und 1888 der Männergesangverein Margaretha gegründet.

Katholische Arbeitervereine entstanden genauso wie Soziale (besser Sozialistische), die sich zur Tarnung kaisertreu nannten.

In Tabakskollegen wurde nach Sitte der Vorväter Pfeife geraucht, in den jährlich neu gegründeten Karnevalsgesellschaften die althergebrachte Fassenacht gepflegt, Sitzungen, Maskenbälle und Umzüge organisiert. Mit dem Gründungsjahr der ersten Gesellschaften im Jahre 1827 rangiert Heimbach-Weis an vierter Stelle im ganzen Rheinland, nach Köln (1823), Koblenz (1824) und Bonn (1826) vor Aachen (1829) und Mainz (1837).

Das rege Vereinsleben setzte sich über die Jahrhundertwende hinweg fort, um nur einige zu nennen; die Gründung der Kolpingsfamilie im Jahre 1907, des Gesangvereins „Rheinperle“ Weis 1911 e.V., des Musikvereins und des Spiel- und Sportvereins (SSV) im Jahre 1920, des Heimbach-Weiser Stamms der Sankt Georgs Pfadfinder von 1933, der Möhnenvereine im Jahre 1935, des Spielmannszuges 1951, des Quartettvereins Sangesfreunde 1962, des Fördererkreises Rommersdorf e.V. 1972, des Frauenchors 1989 Heimbach-Weis und der Bürgergemeinschaft Pro Heimbach-Weis 1989.

 

Abb. 3

Luftbild aus dem Jahr 1963

 

Die Vielzahl der Vereine im Ort sind reger Ausdruck für Geselligkeit und Frohsinn sowie Pflege heimischen Kulturguts und Brauchtums. Dies passt zur Charakterisierung des Heimbach-Weiser Menschenschlags seitens eines preußischen Amtsinspektors aus dem Jahre 1829: „Die Einwohner sind von raschem, leicht reizbarem, lebhaftem Charakter.“

 

Seine eigene Kultur und Herkunft zu wahren, eigen- und selbständig, aber auch gemeinsam zu agieren, darauf verweist uns das Wirken und Handeln unserer Vorfahren.

 

Folgen wir ihrem Beispiel nach!

 

© Dr. Reinhard Lahr

 

Quellen:

 

Helmut Gensicke, Landesgeschichte des Westerwaldes, Wiesbaden 1958.

(= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, Band XIII)

 

Heimatchronik des Kreises Neuwied, von K. Becker, R. Graafen,

K.-G. Faber, A. Meinhardt und C. Peters, Archiv für Deutsche 

Heimatpflege, Köln 1966.

 

Die Kunstdenkmäler des Kreises Neuwied, Düsseldorf 1940/1984.

(= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Band 16, Abt. 2)

 

Landeshauptarchiv Koblenz, Bestände 1C, 162, 331, 332, 560/348 und 655/126

 

Herbert Leicher, Heimbach-Weiser Heimatbuch, hrsg. vom Rat der Gemeinde, Koblenz 1961.

 

Ferdinand Pauly, Siedlung und Pfarrorganisation im alten Erzbistum Trier, Trier 1970. (= Veröffentlichungen des Bistumsarchiv Trier, Band 19)

 

Rheinische Geschichte: in 3 Bd./ unter Mitarbeit von Egon Boshof, hrsg. v. F. Petri und G. Droege, Düsseldorf 1979/80.

 

  1. Volk, Geschichte des Kirchspiels Heimbach und der Abtei Rommersdorf, Manuskript 1926.

Abblidung 1: Rekonstruktionsskizze Rommersdorf um 1300 nach Hermann Reinhard (†)

Abbildung 2: Rommersdorf (F) in einer Darstellung aus dem Jahr 1719 zusammen mit Heimbach (G) und Gladbach (H) (© Landeshauptarchiv Koblenz 162/1103)

Abbildung 3: Luftbild aus dem Jahr 1963





Bürgergemeinschaft Pro Heimbach-Weis e.V.
Langenstück 14
56566 Neuwied

Sascha Fiedler (0170 / 90 59 288)
info@pro-heimbach-weis.de

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